75 Jahre – Antifaschistische Aktion

Redebeitrag der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin [arab] zum 75sten Grüdnungstages der „Antifaschistischen Aktion“. Gehalten am 13.07.2007 bei der Gegenkundgebung gegen einen Rassistenaufmarsch in Pankow-Heinersdorf.

Nichts und niemand ist vergessen

Am gestrigen Tag jährte sich ein wichtiges Ereignis. Ein Ereignis, das durchaus zu den wichtigeren in der deutschen Geschichte gezählt werden kann und an das mensch sich eigentlich gern erinnern sollte. Das dieses Ereignis jedoch weder in der Schule noch in den Medien besprochen wird, dass es keine offiziziellen Gedenkveranstaltungen gibt, ist kein Zufall. Niemand hat etwas „aus Versehen vergessen“. Gestern jährte sich zum 75. Mal die Gründung der Antifaschistischen Aktion. Anscheinend war sie nicht nur damals den Herrschenden ein Dorn im Auge, sondern ist es auch heute noch. Wie kann es sonst sein, dass in der bundesdeutschen Erinnerungspraxis Faschisten und Deutschnationale zu Helden hochstilisiert werden, dass tausende Mörder_innen der niederen und mittleren Befehlsstufe behaupten konnten, von nichts gewusst zu haben, Menschen die jedoch aktiv Widerstand geleistet haben und dies in den meisten Fällen mit dem Leben, ihrer Freiheit und/oder ihrer Gesundheit bezahlt haben, vergessen werden?

Der Grund, warum die „Elite“ der BRD lieber auf Konferenzen des revisionistischen und revanchistischen „Bundes der Vertriebenen“ sitzt oder meint mit der Totalitarismustheorie Nationalsozialismus und Kommunismus gleichsetzen zu müssen oder am besten noch einen Stauffenberg zum antifaschistischen Helden erklären zu müssen, ist zum einen – historisch gesehen – die eigene Verstrickung in die Verbrechen des Faschismus. Für den „Wiederanfang“ die sog. Stunde Null war es enorm wichtig, Täter_innen reinzuwaschen und eine allgemeine Unschuld zu postulieren, die es nie gab. In der herrschenden Geschichtsschreibung wurden die Deutschen von einer Riege dämonischer Irrer verführt und bestochen. Vielfach wird sogar behauptet, dass die Deutschen selbst die ersten Opfer des Faschismus gewesen seien. Und natürlich die unschuldigen Opfer der Allierten, allen voran der Roten Armee, die in bekannter Manier als viehische mordend, vergewaltigend und plündernd durchs Land ziehende asiatische Horde dargestellt wird und an der exemplarisch die menschenverachtenden Art des Bolschewismus aufgezeigt werden soll.

In einem solchen Bild der Geschichtsschreibung stören die Antifaschist_innen der Antifaschistischen Aktion. Sie zeichnete nämlich nicht nur eine Gegnerschaft zum Faschismus, sondern eine allgemeine Gegenerschaft zum kapitalistischen System und somit zum Staat aus. In der Frage des Faschismus nahmen sie Klassenstandpunkte ein, sie verstanden ihn als eine gegenrevolutionäre Herrschaftsstrategie. Ziel war nicht nur die Überwindung des Faschismus, sondern die Überwindung des kapitalistischen Systems der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Mit so etwas soll sich heute niemand mehr beschäftigen.

Gegen die herrschende Gedenkpolitik

Wir gedenken heute also den Mitgliedern der historischen Antifa. Es gibt wohl keinen besseren Ort dafür als eine antirassistische Kundgebung. Wir wollen uns kritisch, aber vor allem solidarisch mit der Geschichte der antifaschistischen und emanzipatorischen Bewegung auseinandersetzen. Natürlich teilen wir nicht alle Ansichten der historischen Antifa, doch es ist ein Gebot der Fairness und der Wissenschaftlichkeit, dass wir die damaligen Ansichten, Organisationsstrukturen und Strategien als aus den damaligen gesellschaftlichen Umständen wurzelnd begreifen und sie auch dementsprechend bewerten. Für uns ist es höchste Zeit sich die Geschichte der linken Bewegung wiederanzueignen, denn in der daraus folgenden Auseinandersetzung gibt es viel für uns zu gewinnen. Natürlich sollen nicht alle damaligen Politikkonzepte einfach auf die heutige Zeit übertragen werden, es darf jedoch auch nicht zum kompletten Bruch mit der eigenen Geschichte kommen.

Happy Birthday to you

In den Jahrzehnte ihres Bestehens ist sicherlich vieles falsch gelaufen in der Antifa, trotzdem war der konsequente Widerstand gegen Faschismus und Kapitalismus immer Bestandteil der Politik der Antifa. Leider ist die Geschichte der Antifa eine Geschichte der Niederlagen. Verfolgung und Zerschlagung in Nazi-Deutschland, Verfolgung, Berufsverbote und Repression im Nachkriegsdeutschland, hilfloser Widerstand gegen den nationalen Taumel, der der Angliederung der DDR folgte, Zusammenbrechen der Strukturen und Niedergang der großen Bewegung der achtziger und neunziger Jahre. Viel zu feiern scheint es nicht zu geben. Die ganzen Niederlagen bedeuten nicht, dass unser Kampf falsch gewesen ist. Er ist heute genauso notwendig, wie immer. Es heißt nicht umsonst „Wir gehen nicht unter in der Kämpfen, die wir verlieren, sondern in denen, die wir nicht führen!“. Lasst es uns anpacken.

Gedenken wir den ermordeten, gefolterten und eingesperrten Mitglieder der Antifaschistischen Aktion! Hoch die Gläser, es lebe das Geburtstagskind!

Merci, dass es dich gibt!

Berlin, 13.07.2007