ILSE PRESENTE!

In Gedenken an Ilse Schwipper (1937 – 2007)

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Ilse Schwipper ist tot, sie starb am 27.September 2007 nach einer kurzen schweren Krankheit. Ilse war eine von uns. Sie war Anarcha-Feministin, Antifaschistin, Stadtguerillera, Antiimperialistin, Kämpferin. Sie lebt in uns und unseren Kämpfen weiter.

Ilse wurde 1937 in Berlin geboren und wuchs bei ihrer Großtante und ihrem Großonkel, einem in der Antifaschistischen Aktion aktiven Anarchisten, auf. Bereits in ihrer frühen Kindheit wurde sie über das wahre Gesicht des NS aufgeklärt. 1944 zog sie mit ihrer Mutter und dessen zweitem Ehemann nach Wolfsburg. Wie sie uns jüngeren gegenüber immer betont hat ist Wolfsburg ein Musterbeispiel für die Kontinuität des Nazifaschismus in der BRD. „Stadt des KdF-Wagens“ (Kraft durch Freude) nannten die Nazis ihre Stadt. In diese braune Siedlungsprojekt zogen fast ausschließlich Nazis und Vertriebene, wie gleichgeschaltet die Stadt war und blieb zeigt sich am Wahlergebnis von 1946: damals erhielt die Sozialistische Reichspartei (SRP), Nachfolgepartei der NSDAP 96%. Von Bombenangriffen der Alliierten verschont wurde Wolfsburg nach dem Krieg zum Kern des VW-Imperiums, und lieferte auch schon bald Kleinbusse, die von den Amerikanern in Vietnam eingesetzt wurden. Deswegen sabotierten Ilse und andere 1971 die Gleise der Zuliefer-Strecke. Zuvor hatten sie bereits eine NPD-Wahlveranstaltung verhindert, indem sie den Veranstaltungssaal niederbrannten.

Die Opposition gegen den Vietnamkrieg und Deutschlands (indirekte) Beteiligung, sowie gegen die Kontinuität des Faschismus in der BRD waren wichtige Inhalte der Sozialen Revolte der 60er Jahre. Wenn heute von 68ern gesprochen wird so sind damit nur die Studenten gemeint. Einen Teil der Bewegung machten allerdings Leute aus, die aus Verhältnissen wie Ilse stammten, proletarische Jugendliche. Ilse verkörpert für uns in vieler Hinsicht die damaligen Entwicklungen: Sie lebte in einer Kommune, wurde von den Jusos ausgeschlossen weil sie gegen das KPD-Verbot agitierte, und sah letztlich ihre politische Perspektive im bewaffneten Kampf.

lange in Isolationshaft gesessen. Sie hat viel unter dieser „Weißen Folter“ Von 1971 bis 1973 saß sie bereits, ähnlich wie die ersten Kader der RAF, in Isolationshaft. Später stand sie im längsten Prozess in der Geschichte der BRD vor Gericht, dem Schmücker-Prozess. Schmücker war ein VS-Agent im Umfeld der „Bewegung 2.Juni“, er wurde 1974 im Grunewald in Berlin erschossen. Die Tat wurde Ilse und den anderen Leuten aus ihrer damaligen Kommune in Wolfsburg angelastet. Der Prozess wurde allerdings aufgrund der Verwicklungen des VS viermal wiederaufgerollt und dauerte letztlich 17 Jahre. Er endete 1991 in einem Freispruch. Auch während dieser Zeit hat Ilse gelitten, ihre Kinder wuchsen ohne sie auf und distanzierten sich später von ihrem politischen Engagement und ihrem Lebensweg. Für Ilse ein schmerzhafte Erfahrung. Nach ihrer Entlassung hat sie sich vor allem für andere politische Gefangene eingesetzt und in anarcha-feministischen Zusammenhängen gearbeitet. Ein Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit nach der Entlassung war die Situation der politischen Gefangenen in der Türkei. Während des Gefangenwiderstandes gegen die Einführung der Isolationsfolter in den türkischen Gefängnissen von 2000 bis 2007, stand sie – als eine der wenigen anarchistischen Linken deutscher Herkunft – solidarisch an der Seite der kämpfenden kommunistischen Gefangenen und ihren Angehörigen. Sie selbst sprach auf einem Symposium der türkischen Gefangenen und Angehörigenorganisation TAYAD in Istanbul über die ihre persönlichen Erfahrungen mit Repression und die grausamen Auswirkungen der Isolationshaft. Internationalismus war für Ilse nie Projektion deutscher Befindlichkeiten oder kulturelle Revolutionsromantik sondern selbstverständliche gelebte Solidarität. Bereits 1961 hatte sie mit einer Unterschriftensammlung gegen die Lebensverhältnisse von Gastarbeitern in Wolfsburg gekämpft. Deren Siedlung war nämlich ein eingezäuntes Lager, ähnlich wie sie heute in Spanien zu finden sind.

Vor allem beeindruckt an Ilse hat uns, dass sie im Gegensatz zu der Mehrheit der sogenannten „68ern“ ihre Vergangenheit nicht geleugnet hat, sondern ihre Leben lang politisch gekämpft hat. Sie war für uns ein Beweis das dass Streben nach revolutionärer Veränderung nicht mit 30 aufhört, dass es möglich ist seinen Utopien und Träumen ein Leben lang treu zu bleiben und sich auch nicht durch Knast und Iso-Folter brechen zu lassen. Noch Anfang diesen Jahres sagte sie „ohne Gewalt geht’s nich“ und erklärte sie sei nach wie vor gegen das Gewaltmonopol des Staates. Sie hat ihre Erfahrungen mit Jüngeren geteilt und wir haben viel von ihr gelernt. Wir werden sie niemals vergessen.

ILSE PRESENTE!

Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin , Oktober 2007