Internationales Camp in Amed (Diyarbakir), Nordkurdistan / Türkei

Wir laden euch alle ganz herzlich ein, das 1.internationale Camp in Amed inhaltlich und organisatorisch mit vorzubereiten. Eingeladen zu dem Camp sind linke AktivistInnen aus Europa, der Türkei und Kurdistan. Auf dem Camp soll es gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzungen und praktische Aktivitäten geben und so die Möglichkeit, sich kennen zu lernen.
Es wird vermutlich im Frühjahr 2009 stattfinden. Durch zahlreiche Veranstaltungen, Artikel und Berichte in den Medien soll in der Zeit vor dem Camp europaweit eine fundierte Auseinandersetzung unter anderem über die kurdische Frage und deren Perspektiven, über die Rolle von Europa, NATO und den USA darin und über Frauenbewegungen in der Türkei und Kurdistan angeregt werden.

Seit fast 25 Jahren gibt es Krieg in den kurdischen Gebieten. Erst seit September 2007 ist dieser Krieg mit den Luft- und Bodenangriffen vom türkischen Militär wieder ein bisschen sichtbarer geworden. Die Repression in der Türkei gegen die städtische und ländliche Bevölkerung durch Militär-, Polizei- und Geheimdienstkräfte nimmt wieder zu. Die Zahl der politischen Gefangenen und Menschenrechtsverletzungen stieg seit September 2007 an. Insbesondere seit der Niederlage der türkischen Bodenoffensive im Februar 2008 hat sich die Situation nochmals dramatisch verschlimmert.
Seit nunmehr 30 Jahren gibt es dort eine breite und vielfältige Bewegung, die gegen Unterdrückung und für Freiheit kämpft und sehr stark in der kurdischen Bevölkerung verankert ist. Teil des Krieges ist wie immer in solchen Situationen viel Propaganda, die von der allgemeinen Öffentlichkeit und von vielen Linken in der Türkei und Europa übernommen wird.
Die kurdische Bewegung ist isoliert. Um diese Isolierung zu durchbrechen ist es uns wichtig, eine fundierte Auseinandersetzung zu führen, sich Wissen anzueignen und sich mit den eigenen Bildern und möglichen Vorurteilen kritisch auseinanderzusetzen.
Wir sehen das Camp, die Zeit davor und danach als einen Prozess, in dem es Raum für eben diese Auseinandersetzung geben soll.

>> Warum all der Austausch?
Es ist sehr leicht aus einer europäischen Perspektive heraus die kurdische Bewegung als patriarchal, hierarchisch, nationalistisch und, und, und zu verurteilen. Zum Beispiel, es gibt in der europäischen Linken kaum noch anti-patriarchale Kämpfe und viele wähnen sich vielleicht sogar in einer scheinbar emanzipierten Gesellschaft. Diese scheinbare „Zivilisiertheit“ wird schnell einer scheinbaren Rückständigkeit der kurdischen Gesellschaft und Bewegung gegenübergestellt. Noch überraschender ist es an diesem Punkt, dass die kurdische Frauenbewegung in nichtkurdischen Kreisen kaum Beachtung findet.
Die kurdische Bewegung steht nicht außerhalb der feudalen gesellschaftlichen Umstände, das heißt sie ist auch nicht frei von patriarchalen Tendenzen. Sie ist jedoch eine Bewegung, die gegen diese Strukturen kämpft. Oder wie es viele der kurdischen AktivistInnen ausdrücken „Der Kampf gegen uns selber, ist der schwerste.“ Ziele der kurdischen Freiheitsbewegung sind eine demokratisch-ökologische Zivilgesellschaft, die Abschaffung des Staates und aller Hierarchien. Es wird keine kurdische Eigenstaatlichkeit oder Konföderation von Teilstaaten angestrebt, sondern der Aufbau einer Selbstverwaltung durch kommunale Basisorganisierung.
Um sich den kurdischen Kämpfen überhaupt annähern zu können, finden wir es unabdingbar, den Kontext in dem sie entstanden sind und stattfinden, kennen zu lernen – und das am besten vor Ort im Austausch mit der kurdischen Bewegung.

Was haben dieser Krieg und die kurdische Bewegung mit uns als europäische Linke zu tun?
Der Krieg ist nicht begrenzt auf die Gebiete in Kurdistan, sondern wird international geführt, das heißt nicht nur vom türkischen Militär, sondern auch von den einzelnen europäischen Staaten, den USA, der EU und der NATO.
Sie nehmen unmittelbar teil an diesen Kriegshandlungen, unter anderem in Form von Rüstungsexporten, der Ausbildung von Militärs und Geheimdienstlern oder der Weitergabe von Geheimdienstinformationen. In Deutschland sind KurdInnen und TürkInnen, deren Vereine und Netzwerke einer umfassenden Repression ausgesetzt. So richtet sich ein großer Teil der §129er Verfahren gegen migrantische und dabei hauptsächlich gegen kurdische und türkische AktivistInnen. Die europäischen Staaten arbeiten immer wieder im Rahmen von Auslieferungsanträgen dem türkischen Staat in die Arme.
Die einzelnen europäischen Staaten und die USA haben nicht nur ökonomische Interessen (wie z.B. bei dem Bau vom Ilisu Staudamm oder an Rohstoffen), sondern auch die geostrategische Bedeutung der dortigen Region spielen eine wichtige Rolle.
Vermutlich ist die kurdische Bewegung auch deshalb ein Dorn im Auge der europäischen und US amerikanischen Staaten, weil sie sich nicht wie viele andere Bewegungen instrumentalisieren und steuern lässt, sondern konsequent an einem linken Projekt arbeitet.

>> Das Camp
Das Camp findet auf Wunsch der in Kurdistan lebenden GenossInnen statt. Wir sind eingeladen von der Stadtverwaltung in Amed (Diyarbakir), unterstützt von einem breiten Netzwerk bestehend aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Organisationen und Bewegungen, Gewerkschaften, Presse und linken Parteien.
Wir wünschen uns, dass es größere und kleinere, theoretische und praktische Workshops, viele Diskussionen und informelle Gespräche geben wird, durch die ein gegenseitiges Kennen lernen möglich wird. Es soll auch gemeinsame Ausflüge und Aktionen geben wie z.B. in Hasankeyf, wo mit deutschen, österreichischen und schweizerischen Geldern ein Staudammprojekt entstehen soll (www.stopilisu.com). Vom türkischen Militär verbrannte Dörfern sollen auch besucht werden.
Ein Wunsch der kurdischen AktivistInnen ist es auch, dass öffentlichkeitswirksame Menschen wie z.B. SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen oder PolitikerInnen mitkommen, um die Außenwirkung zu verstärken. Sie sollen jedoch auf dem Camp keine zentrale Rolle einnehmen, sondern vornehmlich z.B. bei der Eröffnungsveranstaltung oder einem größeren Panel zu Wort kommen.
Anders als nach den alljährlich zu Newroz reisenden europäischen Delegationen wünschen wir uns, dass nach dem Camp solidarische und verbindliche Strukturen in Europa entstehen.
Und es soll endlich nicht nur zu Gesprächen mit und zwischen VertreterInnen von Organisationen, Parteien und sozialen Einrichtungen kommen, sondern zu einem Treffen von BasisaktivistInnen.

Also noch mal, ihr seid ganz herzlich eingeladen das Camp und den Prozess davor und danach mitzugestalten und euch an der inhaltlichen und praktischen Vorbereitung zu beteiligen. Die gesamte Infrastruktur für das Camp wird übrigens von den dortigen GenossInnen organisiert. Bis jetzt sind wir ein paar in Berlin lebende kurdische und türkische AktivistInnen in der Diaspora, europäische AktivistInnen und unterschiedliche Netzwerke, Stiftungen und NGO’s, die uns unterstützen.
Falls euch das Projekt interessiert, ihr mitmachen oder wissen wollt, wann die nächste Infoveranstaltung ist oder andere Fragen habt, schreibt uns!
Kontakt: amed.camp@so36.net