20 Jahre Räumung Mainzer Strasse – Nichts ist vergessen

Vor 20 Jahren wurde der besetzte Häuserklomplex „Mainzer Strasse“ in Berlin – Friedrichshain mit einem der brutales Polizeieinsätze in der Geschichte der BRD geräumt.
Um an die Kämpfe der vergangenheit zu erinnern, aus ihren Fehlern und Erfolgen zu lernen, empfehlen wir euch eine Zeitzeugenveranstaltung des Internationalistischen Abends zur Schlacht um die Mainzer Strasse am 6.Dezember um 19 Uhr im Friedrichshainer Stadtteiladen „Zielona Gora“ und veröffentlichen hier den Beitrag der ARAB aus dem Jugendinfo zur Silvio Meier Demo der sich ebenfalls mit den Kämpfen um die Mainzer Strasse vor 20 Jahren in Friedrichshain beschäftigt.

Zeitzeugenveranstaltung | Mo. 6.Dezember | 20 Uhr | Zielona Gora | Grünberger Str.72

Sag Niemals Nie!“ – Film über die Mainzer Strasse
„Video der Räumung“


Veranstaltungsankündigung des Internationalistischen Abends:

„20 Jahre Mainzer Straße – das war wie Bürgerkrieg!“

Mit Referenten und Filmclips zu Besetzung, Räumung und Widerstand. Ab 20.00 Uhr Volxküche, nach der Veranstaltung Solitresen, Free Kicker und Autonomen-Mucke.

Ende April 1990 wurden im Ostberliner Bezirk Friedrichshain während des Staatsaktes der vollständigen Annektion der DDR die leerstehenden Häuser in der Mainzer Straße besetzt. Eine Mischung von Autonomen, Freaks, KünstlerInnen, Oppositionellen, Punks, Homos & Tunten aus Ost und West bekam für die kulturelle und politische Aneignung zahlreiche Unterstützung aus der Bevölkerung. Gerade die Mainzer Straße stand für die Tendenz, besetzte Häuser nicht mehr nur als Freiraum zur Selbstverwirklichung anzusehen, sondern auch als Orte der Konfrontation mit staatlichen Behörden und als Symbole einer politischen Selbstverortung. Auch die legendäre Schlacht im November 1990 gegen die Räumung durch die BRD-Bullenarmada ist inzwischen zum Mythos geworden: durch riesige Barrikaden & Gräben war die Mainzer Straße wirklich befreites Gebiet und die Machtfrage offen gestellt.

Text der ARAB zur Mainzer Strasse:

20 jahre Schlacht um die Mainzer Strasse – Nichts ist vergeben – Nichts ist vergessen!

Der Bezirk Friedrichshain ist einer der Berliner Innenstadtbezirke, dessen Bevölkerungszusammensetzung sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Menschen mit geringem Einkommen wurden durch stetige Mieterhöhung und „Aufwertung des Wohnumfeldes“ durch teure Cafés und Boutiquen aus ihren Wohnungen vertrieben und sind in billigere Bezirke am Stadtrand gezogen. Alternative Hausprojekte, besetzte Häuser und andere Orte, die versuchen, sich dem kapitalistischen Verwertungszwang temporär zu entziehen, sind mehr und mehr räumungsbedroht und sehen sich ständigen Angriffen von Polizei, Politik und Medien ausgesetzt. Wo einst ganze Strassenzüge besetzt waren und Punks und Autonome das Strassenbild dominierten, sind heute nur noch trendige
Szenestudent_innen und protzige Yuppies anzutreffen.

Diese Entwicklung ist nicht von heuten auf morgen vom Himmel gefallen, sondern läuft schon seit 20 Jahren. Ihren Anfangspunkt nahm sie am 12., 13. und 14. November
1990 mit einer der brutalsten Polizeieinsätze und heftigsten Strassenschlachten in der Geschichte der BRD: Der Schlacht um die Mainzer Strasse.

Hausbesetzungen nach der Wende

In den letzten Tagen der DDR entwickelte sich in Ost-Berlin eine bunte und grosse Hausbesetzterbewegung. Hunderte Häuser in Mitte, Prenzlauer Berg und eben
Friedrichshain wurden besetzt. Häuser ,die leerstanden, weil deren Bewohner_innen sich im Taumel der Wiedervereinigung in den „goldenen Westen“ aufgemacht hatten, um dort ihr Glück und ihre Freiheit auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt zu suchen. Ganze Strassenzüge wurden besetzt und es entwickelte sich eine bunte Gegenkultur, in der neue Lebensformen ausprobiert wurden. Etwas naiv freuten sich die Freaks, Künstler_innen, Anarchos und Autonomen darüber, endlich den als „lästige“ und „spiessige“ verstandenden sozialistischen Versuch namens DDR los zu sein und mal so richtig „frei“ und „wild“ draufloszuleben.

Es war eine aufregende Zeit, in der es so aus sah, als ob viel möglich sei. Die alten Machthaber hatten gerade abgedankt und die neuen waren noch nicht so richtig angekommen. Das sollte jedoch leider nicht lange so bleiben.

Der Traum von Utopie und Selbstbestimmtung war am 14. November erstmal vorbei. Denn mit der „Wiedervereinigung“ traten die Gebiete der ehemaligen DDR dem deutschen Staat und seiner Eigentumsordnung bei. Eine Eigentumsordnung, in dem die Freiheit aller, mit ihrem Besitz so viel Profit zu machen, wie es Bock macht (oder der Markt hergibt), das höchste Gut ist und mit allen Mitteln der (staatlichen) Gewalt verteidigt wird. Das haben die Bewohner_innen der Mainzer Strasse am 14. November am eigenen Körper zu spüren bekommen. Dutzende, zum Teil schwer Verletzte produzierten die 400 Riot-Cops, die am Morgen des 14. November begannen, die Mainzer Strasse zu umstellen und mit Räumungpanzern die aufgebauten Barrikaden zu durchbrechen. In den Wochen zuvor hatte es starke politische Auseinandersetzungen um die Häuser in der Mainzer Strasse gegeben.

Grosse Teile der Bevölkerung im Friedrichshain solidarisierten sich mit den räumungsbedrohten „Chaoten“ in der Mainzer Strasse. Selbst der Bezirksbürgermeister setzte sich für die Bewohner_innen ein. Mit einer Menschenkette versuchte er, die Polizei von der Räumung abzuhalten und wurde mit dem Wasserwerfer weggespritzt. Die Bewohner_ innen hatten sich auf die bevorstehende Räumung gut vorbereitet. Mit einem extra dafür geklauten Bagger wurden Gräben ausgehoben und meterhohe Barrikaden gebaut.

Auf den Dächern wurden Steine und Molotow-Cocktails gebunkert, um sich gegen den Angriff der Polizei verteidigen zu können. Sie wollten ihre Häuser nicht kampflos
hergeben. Mehrere Stunden dauerte die Schlacht um die Mainzer Strasse. Für den unerwartet harten Widerstand rächte sich die Berliner Polizei, indem sie dutzende der über
100 Verhafteten brutal zusammenschlug und misshandelte. Die Schlacht um die Mainzer Strasse und die heftigen Proteste der (Ost-)Berliner Bevölkerung gegen das brutale
Vorgehen der Polizei und die Räumung führten dazu, dass zwei Tage später die Rot-Grüne-Regierung in Berlin wegen der Räumung auseinanderbrach.

Mit der brutalen Räumung der Mainzer Strasse meldete das deutsche Kapital seinen Besitzanspruch auf die Berliner Innenstadt an, um sich daran zu machen, uns den Potsdamer Platz, Mediaspree, der O2-World und eben den Mieten im Simon-Dach-Kiez zu beglücken. Denn Wohnraum ist in der kapitalistischen Gesellschaft eine Ware, wie jeder andere auch. Doch auch 20 Jahre nach der Räumung der Mainzer Strasse ist der Protest gegen die kapitalistische Zurichtung der Innenstädte nicht verstummt, sondern nimmt mit
den Protesten gegen Mediaspree, der Autobahn A100, dem Flughafenausbau und Mieterhöhungen in den letzten Jahren wieder zu. Und immer noch gibt es besetzte Häuser und alternative Wohnprojekte wie die Köpi, die Rigaer94 oder die Reiche63a für deren Erhalt wir kämpfen müssen.