16.September: Andrea Wolf – Delegation vom türkischen Militär aufgehalten


Eine Delegation aus der BRD und El Salvador ist in den letzten Tagen in die Türkei gereist um neuen Hinweisen im Fall der am 23.Oktober 1998 vom türkischen Militär ermordeten Internationalistin Andrea Wolf nachzugehen (Info). Sie wollten ein Massengrab besuchen an dem die Überreste der nach Zeugenaussagen vom Militär lebend Gefangenengenommenen, gefolterten und anschließend hingerichteten linksradikalen Aktivistin aus München vermutete werden. In letzter Sekunde haben die Zuständigen türkischen Stellen ihre voher schon erteilte Erlaubnis zurückgezogen und haben die Delegation, an der sich neben Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, Abgeordneten der Linkspartei auch Angehörige der Ermordeten beteiligen, an einer Militärsprerre aufgehalten.

Bericht der Delegation:

Heute morgen um 5:00 Uhr brach die Delegation wie geplant in Van auf, um das Massengrab in der Region Keleh zu besuchen. Begleitet wurden wir von Angehörigen der Opfer des Massakers, den Friedensmüttern, Mitarbeitern des IHD, dem BDP-.Vorsitzenden von Catak und Journalisten. Nach einer etwa 2-stündigen, problemlos verlaufenen Autofahrt erreichten wir gegen 7:00 Catak. Dort wurden wir von der BDP herzlich empfangen. Nach einer kurzen Pause fuhren wir weiter in die Region Keleh.

Hinter dem Dorf Narli befindet sich ein Militrärposten, an dem wir gestoppt wurden. Ein Offizier erklärte uns, er habe Befehl uns nicht weiterfahren zu lassen. Er bezog sich auf einen Befehl des Provinzgouverneurs (Vali) von Van, nachdem unsere Sicherheit gefährdet sei. Hatte er sich zuerst noch als Mitarbeiter des Vali vorgestellt, stellte sich dann heraus, dass es ein Offizier des nationalen Geheimdienstes war. Erste Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis.

Die Bundestagsabgeordneten der Linken – Andre Hunko und Nicole Gohlke intervenierten daraufhin beim Auswärtigen Amt und der deutschen Botschaft in Ankara. Ein anderer Teil der Verhandlungsgruppe führte aus dem Jandarma Posten ein Telefonat mit dem Vali in Van. Der Rest der Gruppe machte zuerst eine Sitzblockade auf der Straße, öffnete diese dann jedoch für die Durchfahrt von zivien Fahrzeugen der kurdischen Bevölkerung. Ganz offensichtlich bestand die Gefährdung nur für unsere Delegation, alle anderen Fahrzeuge konnten die Sperre problemlos passieren.

Das Auswärtige Amt sandte eine diplomatische Note an das türkische Außenministerium mit der Bitte, sich an das türk. Innenministerium zu wenden, die deutsche Botschaft stellte einen Kontakt zu den türkischen Behörden her. Alle gaben sich mit der Auskunft, es handele sich um eine Frage unserer Sicherheit zufrieden.
Nachdem also alle Verhandlungen ergebnislos blieben, – und das schießbereite Militär eine Weiterfahrt unmöglich machte –, entschieden wir gegen 13:30 h gemeinsam an diesem Punkt abzubrechen. Es hat sich mal wieder gezeigt, dass keine der eingeschalteten deutschen Behörden bereit ist, anhand des Konfliktes in Kurdistan eine diplomatische Verstimmung mit der Türkei herbeizuführen.

Wir kehrten nach Catak zurück, wo wir erneut bei der BDP empfangen wurden. Nach einer kleinen Stärkung begab sich eine Abordnung zum Staatsanwalt um erneut die Mordanklage einzureichen. Begleitet wurde die Abordnung von einer kleinen Demonstration mit unseren Transparenten. Die örtliche Jandarma war über die Slogans, dass das türkische Militär des Kriegsverbrechens beschuldigt wird, wenig erbaut, unternahm aber nichts. Ein Bericht über den Aufenthalt beim Staatsanwalt wird folgen.


Anklage wegen Mord und Kriegsverbrechen eingereicht

Weiter fuhren wir zu dem Massengrab in Göretas. Hier wurden am 21.10.1998 28 kurdische Guerillas und 15 Dorfschützer ermordet, die von den Kämpfer/innen gefangen genommen waren.. In dem Gebiet fanden Gefechte statt und dir Dorfschützer wurden von der Armee vorgeschickt um die PKK einheit ausfindig zu machen. Sie wurden von der PKK-Einheit gefangengenommen und sollten freigelassen werden sobald die Einheit das Gebiet frei verlassen konnte. Stattdessen wurden Cobra-Hubschrauber geschickt, die alle Anwesenden aus dem Hubschrauber erschossen. Die Leichen der Dorfschützer wurden danach geborgen, die restlichen Leichen an der Stelle des Massengrabes verbrannt und später von Dorfbewohnern beerdigt. Der sehr bekannte Kommandant der Einheit wurde geköpft.


Rede von Lilo Wolf

An dieser Stelle hielten wir unsere Gedenken ab. Die Rede der Friedensmütter, die bei allem Schmerz über den Tod ihrer Kinder für Frieden, Freiheit und Aufklärung kämpfen, hat uns sehr bewegt, ebenso wie die Grußbotschaft von Lilo Wolf, die heute in den guamaltekischen Bergen ebenfalls eine Trauerfeier für Andrea und alle mit ihr Ermordeten abhielt. In Gedanken waren alle bei ihren in diesem schmutzigen Krieg ermordeten Verwandten, Freundinnen und Freunden verbunden im Schmerz, aber auch in dem Wissen dass wir keine Ruhe geben dürfen.

Danach fuhren wir zurück nach Van. Ein langer Tag unter ständiger Beobachtung und Dokumentation von Zivilpolizei und Geheimdienst. Mit interessanten und bewegenden Begegnungen. Ein Tag der internationalen Solidarität jener die für Frieden und Freiheit eintreten.

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Presserklärung der Linkspartei-Abgeordneten

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