23.Juni: Transgenialer CSD – Kurzbericht

Mehrere tausend Teilnehmer*innen auf dem Transgenialen CSD +++ deutliches Zeichen gegen Homophobie, Nationalismus und Rassismus gesetzt +++ Polizisten beleidigen Teilnehmer*innen homophop

Bei aller schönstem Wetter folgten mehrere tausend Teilnehmer*innen dem Aufruf des Orga-Teams „Transgenialer CSD“ durch die Straßen Berlins. Anfänglich mit mehreren hundert Teilnehmer*innen im Berliner Stadtteil Treptow zur Mittagszeit gestartet, zog die buntgekleidete Masse mit vielen selbstgemalten Schildern, Transparenten unter dem Leitmotto „Lasst es glitzern: Antifaschistisch – Queerfeministisch – Antirassistisch – Solidarisch“ zum Kreuzberger Heinrichplatz. Auf den verschiedenen Lautsprecherwagen, aus denen Techno, „orientalische Klänge“ sowie queere Partyclassics erklangen, wurden ebenfalls Redebeiträge verlesen. So wurde unter anderem die Situation des alternativen Kulturprojektes „Tacheles“ thematisiert, als auch deutliche Kritik an der inzwischen stark kommerzialisierten Ausrichtung des „großen“ Christopher-Street-Days, der heute ebenfalls durch die Straßen Berlins zog, geübt. Auch das 15-jährige Jubiläum des transgenialen CSD, der im Jahr 1997 auf Grund polizeilicher Repression und der ausbleibenden Kritik des „großen“ CSDs sich durch die Straßen Kreuzberg bewegte, wurden in weiteren Redebeiträgen thematisiert.
Auch die „AG Schwule in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin “ [SCHWARAB] beteiligte sich erstmalig mit eigenem Aufruf, Flugblatt und Transparent an der Demonstration und verteilte mehrere hundert antikapitalistische Flugblätter (im Folgenden dokumentiert) an das interessierte Publikum.
SCHWARAB

Einzig die Berliner Polizei bot mal wieder ein Bild des Grauens für das eigentlich durchaus feuchtfröhlich gelaunte Publikum: Begleitet durch die einschlägig bekannten 23. und 24. Einsatzhundertschaften ließen es sich die Zivilbeamten des Landeskriminalamtes „Politisch motivierte Straftaten – Links“ nicht nehmen und beleidigten Teilnehmer*innen des tCSD homophob.
Trotzdem lässt sich in Gesamtheit durchaus von einer gelungenen Demonstration gegen Homo&Transphobie, sowie Nationalismus und Rassismus sprechen.

Vom Gebäude des „Zentrum Kreuzbergs“ machten Mitglieder der ARAB mit einem Transparent und Flugzetteln auf den Fall von Basak Sahin Duman aufmerksam, die seit dem 29.Mai in Kroatien in Haft sitzt und an die Türkei ausgeliefert werden soll, wo ihr über 7 Jahre Haft wegen ihres politischen Engagements an der Univerität drohen.

Fotos: 1
Interview in der jungen Welt

Flugblatt der [SCHWARAB] als PDF

Flugblatt der [SCHWARAB] – Text:

„Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht“!

Obwohl der Christopher-Street-Day (CSD) ursprünglich an das militante Aufbegehren sogenannter sexueller Minderheiten im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street erinnerte, wo sich Lesben, Schwule und Transexuelle erstmals militant gegen eine Serie brutaler Polizeiübergriffe und Razzien zur Wehr setzten, ist von dem Widerstandsgeist der Regenbogen-Community aus den früheren Tagen nicht viel übrig geblieben.

Gegen Kapitalismus…

Vielerorts wurde der CSD schnellen Schrittes von einer politischen Demonstration zu einer bestenfalls karnevalesk anmutenden Parade transformiert, die einigen Großkonzernen nicht wenig Platz einräumt, damit diese um die angeblich finanzstarken Lesben und Schwulen buhlen können. So bewirbt im offiziellen diesjährigen Berliner CSD-Magazin etwa der Autohersteller Ford seine Produkte ganz zielgruppengerecht unter der Überschrift „Weißer Lack – schwarzes Leder“ und das „HIV-Team“ des Pharmariesen Abbot wünscht den potentiell Infizierten „einen schönen CSD“.

Rassismus…

Während homophobe Verhaltensmuster in der deutschen Mehrheitsgesellschaft vor allem bei jungen Menschen wieder zunehmen, kommt es auch innerhalb der schwul-lesbischen Community seit Jahren verstärkt zu rassistischen Ausfällen und aggressiver Stimmungsmache gegen Migranten, denen eine nahezu qua Geburt vorhandene Feindlichkeit unterstellt wird. Die rassistischen Hasskampagnen der Mehrheitsgesellschaft wie auch die der rechten Schreihälse in der schwul-lesbischen Community werden auf unseren entschlossenen Widerstand stoßen! Wir sind solidarisch mit den oftmals von Mehrfachdiskriminierung Betroffenen!

Menschenrechtsimperialismus…

Vielfach wurde das Thema Menschenrechtspolitik in der Vergangenheit als Begleitmusik zu aggressiver Kriegspolitik zu missbraucht. So wurde etwa der Angriffskrieg gegen Afghanistan etwa mit der Befreiung der Frauen begründet. In den vergangen Jahren kommt es zunehmend dazu, mangelnde Rechte für Schwule, Lesben und andere marginalisierte Sexualitäten und Lebensformen zu missbrauchen, um Stimmungsmache wie aktuell etwa gegen Russland zu machen. Wir stehen auf der Seite der linken Transsexuellen, Lesben und Schwulen weltweit. Wir werden uns jedoch nicht am Menschenrechtsimperialismus von BRD, USA und EU beteiligen, die selbst mehr als genug Leichen im Keller haben. So wurde etwa der Paragraph 175, der männliche Homosexualität in der BRD unter (Haft)Strafe stellte und über Jahre in einer „verschärften“ Nazi-Variante existierte, erst 1994 (!) und einzig aufgrund der Rechtsangleichung der beiden deutschen Staaten in der BRD abgeschafft.

Homonationalismus…

Auch das „Pinkwashing“, mit Hilfe dessen sich Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten zu inszenieren versucht, während es Palästinenserinnen und Palästinenser brutal unterdrückt, stößt auf unseren entschlossenen Widerstand. Wir werden auch zukünftig nicht dulden, dass rassistische und bellizistische Organisationen wie etwa der „BAK Shalom“ in ihrer Funktion als deutsche Täterenkel und in „deutscher Michel“-Manier Jüdinnen und Juden vorzuschreiben versucht, wie sie zu denken und zu leben haben und die Nahostfrage für ihre rassistischen Ausfälle und Kriegstreiberei missbrauchen und dafür versuchen, die Lesben- und Schwulenbewegung in politische Geiselhaft zu nehmen. Derlei Organisationen sprechen nicht in unserem Namen!

… und religiösen Fanatismus

Auch in Sachen Religionskritik müssen wir nicht auf islamische Länder verweisen, sondern kritisieren das verbrecherische Wirken der katholischen Kirche und des deutschen Papstes ebenso, wie die evangelikalen Fundamentalisten, die sowohl in Deutschland als auch den USA ihr Unwesen treiben und Menschen mit alternativen Lebensentwürfen das Leben immer mehr zur Hölle machen.

Während immer mehr Ehen wieder geschieden werden und immer mehr Menschen nach neuen Formen des Zusammenlebens suchen und Alternativen zur kleinbürgerlichen monogamen Familie leben, wiederholt das Gros der schwul-lesbischen Berufsfunktionäre gebetsmühlenartig die Forderung, die Ehe für Lesben und Schwule zu öffnen. Wir lehnen das ab! Wir wollen nicht die gescheiterten und unrealistischen Lebenskonzepte der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft übernehmen, sondern eine rechtliche wie auch gesellschaftliche Gleichstellung aller Lebensweisen!

Wir hingegen wollen mit allen fortschrittlichen Lesben, Transen und Schwulen nicht in den Arsch der Herrschenden kriechen, sondern eine offensive radikal linke Politik betreiben und nicht nur heute gemeinsam mit Euch gegen Ausbeutung, Rassismus und Krieg und für unsere Rechte auf die Straße gehen!

AG Schwule in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin (SCHWARAB)

Website des Bündnis/ Kurzaufruf der ARAB:

::: Heraus zum Transgenialen CSD am 23. Juni 2012 in Berlin :::

Der CSD ist ein weltweiter Gedenk-, Fest- und Demonstrationstag von und für schwule, lesbische, bi-, trans-, und intersexuelle Menschen sowie andere ausgegrenzte sexuelle Identitäten. Der Berliner Transgeniale CSD (TCSD) ist eine seit 1998 jährlich Ende Juni stattfindende Demonstration, die sich als politische Alternative zum kommerziellen Christopher Street Day versteht, der meist parallel stattfindet. Der TCSD richtet sich gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgendern und intergeschlechtlichen Menschen. Zugleich greift der TCSD das Prinzip der Heteronormativität – ein unhinterfragtes, ausschließlich zweiteiliges Geschlechtssystem – an, das in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet ist und soziale, emotionale und kulturelle Standards hervorbringt, die Ausgrenzung bewirken. Immer thematisiert der TCSD aktuelle politische Entwicklungen. Der TCSD positioniert sich klar gegen Rassismus, Neonazismus, Gentrifizierung, staatliche Abschiebungen, prekäre Arbeitsbedingungen und soziale Ausgrenzung.

Benannt ist der CSD nach der ersten bekannt gewordene Gegenwehr in großem Umfang von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village. In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 fand in der Bar „Stonewall Inn“ der sogenannte Stonewall-Aufstand statt. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Schwulen und Lesben sowie der Polizei. Zum Gedenken an diese Ereignisse, aber auch, um für gesellschaftliche Veränderungen und gegen Diskriminierung zu protestieren, erfolgen seither jährlich weltweit Demonstrationen. Der TCSD sieht sich in dieser politischen Tradition. Anpassung, Kommerzialisierung, (Homo)nationalismus und Pathologisierung von trans- und intergeschlechtlichen Menschen sind nach wie vor Grund genug für Widerstand und den Versuch, Gegenmacht zu entfalten angesichts institutioneller und alltäglicher Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt hier und weltweit.
Doch gerade hier in Deutschland, wo die rigide Bekämpfung von Homosexualität während des Nationalsozialismus ihre tiefen Spuren hinterlassen hat, wo Homophobie und die Ausgrenzung von Minderheiten allgemein eine lange Tradition haben und auch die politische Linke nicht „frei“ davon ist, wo sich nicht zuletzt auch Minderheiten oft gegeneinander ausspielen lassen, ist es notwendig, kollektiv und solidarisch für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung einzutreten. Die Gesellschaft verändern und nicht in ihr „ankommen“! Für eine antikapitalistische Perspektive!

::: Transgenialer CSD ::: 23.06.2012 ::: 13 Uhr, Elsenstraße/Am Treptower Park (vorm Treptower Park Center) :::
::: 18 Uhr: Abschlusskundgebung am Heinrichplatz: Bühne mit Redebeiträgen, Performances, Musik und Infoständen :::

Mehr Infos:
https://transgenialercsd.blogsport.de/

AG Schwule in der Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin [SCHWARAB]


2 Antworten auf „23.Juni: Transgenialer CSD – Kurzbericht“


  1. 1 Offene Worte an die Veranstalter_innen des tCSD « rhizom Pingback am 22. Juni 2012 um 15:54 Uhr
  2. 2 Überblick Soliaktionen « Freiheit für Basak Sahin – Freedom for Basak Sahin Pingback am 01. Juli 2012 um 17:32 Uhr
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