Stück für Stück ins Eheglück? Zur aktuellen Debatte um die „Homoehe“

Schwulehochzeit

Kommentar der AG „Schwule in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin“ [SCHWARAB]


Die aktuelle Debatte zur „Homoehe“

Derzeit wird in den bundesdeutschen Medien diskutiert, die absolute rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare, umgangsprachlich auch „Homoehe“ genannt, voranzutreiben. Während einige durch und durch Reaktionäre wie etwa die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, sich gegen diesen Vorstoß aussprechen, gibt es parteienübergreifend BefürworterInnen dieses Vorgehens. Ein Grund für diese Debatte liegt darin, dass das Bundesverfassungsgericht vergangene Woche geurteilt hat, dass Beamte in eingetragenen Lebenspartnerschaften beim Familienzuschlag nicht schlechter behandelt werden dürfen als verheiratete Paare. Einige ExpertInnen gehen davon aus, dass der oberste Gerichtshof in Karlsruhe weitere noch bestehende rechtliche Ungleichbehandlungen beider Partnerschaftsformen kippen wird. Im Jahr 2013 wird ein Urteil zum Ehegattensplitting für Lebenspartner erwartet.


Der Staat und seine BürgerInnen

Die heterosexuelle Ehe ist der Ort, in dem Verantwortung für den jeweils anderen übernommen und Kinder großgezogen werden sollen. Der Staat erwartet von seinen „Eheleuten“ insbesondere in „schlechten Zeiten“, die oft durch die Niederungen des kapitalistischen Lebens wie etwa Erwerbslosigkeit, Krankheit oder Ähnlichem verursacht werden, nicht nur emotionale, sondern vor allem finanzielle Anteilnahme. Wo die Sozialschnüffler von Arbeits- und Sozialämtern den geringsten Besitzstand der Verheirateten – und „Dank“ der Agenda-2010-Reformen inzwischen auch von lediglich zusammen Wohnenden – überprüfen, um den Klienten die nötigen Anschaffungen zu verweigern, wird das Interesse des Staates an der Schließung der Ehe besonders deutlich. Schließlich soll finanzielle Verantwortung übernommen werden in Zeiten des inzwischen nahezu abgeschlossenen neoliberalen Umbaus der Gesellschaft, am besten auf individueller Ebene, exklusiv für eine andere Person, sozusagen als Ausgleich für weniger staatliche Absicherung. Festzuhalten bleibt in diesem Kontext auch, dass die Ehe nicht nur eine „rein“ ökonomische Funktion hat, sondern für den Staat auch ein Kontroll-, Disziplinierungs- und Verwaltungsfunktion hat. Bürgerliche Vergesellschaftungsprozesse und die Aufrechterhaltung des Kapitalismus durch das Privateigentum und Erbrecht sind ohne Ehe gar nicht denkbar. Sicher gibt es genug Lautstarke, für die eine Ehe außerhalb der Logik von Mann-Frau nicht vorstellbar, geschweige denn real möglich ist. Andererseits ist es im Sinne einer kapitalistischen Logik und Leistungsoptimierung nur folgerichtig, dass im Zuge einer allgemeinen ökonomischen Entwicklung mitsamt ihren Modernisierungseffekten die Institution Ehe auch für andere monogame Lebensformen geöffnet wird. Ob dies allerdings den realen Interessen der großen Mehrheit der Homosexuellen entspricht und ob dies irgendetwas mit Gleichberechtigung zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt und erscheint höchst fraglich.


Times are changin‘ – von der Vernunftgemeinschaft zur Blümchenhochzeit

Die Ehe, die in vorbürgerlichen Zeiten besonders deutlich ihren Charakter als die Instanz der Kindererziehung offenbart hat, ist zu einem gewissen Comeback gelangt. Während in den vorbürgerlichen Zeiten einfach klar war, das Mann und Frau heiraten, entscheiden heute viele Paare bewusst, ob bzw. dass Sie sich ewig binden wollen. Bis in die 1970er Jahre war die Vergewaltigung in der Ehe kein Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen, weil sie schlicht nicht als Straftat angesehen wurde. Die Frau musste außerdem bei ihrem Mann um Zustimmung bitten, wenn Sie erwerbstätig werden wollte. Auch wenn zum einen durch die Kämpfe der Frauenbewegung und zum anderen durch den Umbau der Gesellschaft (Stichwort: Elterngeld) die „Institution“ Ehe einiges an „Schrecken“ für die Frau verloren hat, ist das klassische Rollenbild vom Mann als Ernährer mit ausreichend gut bezahlten Job, der Frau als Mutter und liebender Ehefrau und bestenfalls zwei Kindern nach wie vor prägend. Der Entschluss zur Ehe gilt wieder als der ultimative Liebesbeweis eines Paares. Hohen Scheidungsraten, gegenseitiger Abhängingkeit in ehelicher Partnerschaft zum Trotz – ein Leben lang zusammen zu bleiben, gilt als romantisches Glücksversprechen in Zeiten ökonomischer Unsicherheit und dem Zwang zu individueller Leistungsoptimierung.


Von der Klappe in die Kirche?

Die Ehe, die für heterosexuelle Paare durchaus ein repressives Moment innehat, scheint teilweise in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften angekommen zu sein. Besonders Schwule haben noch immer mit einer massiven Ablehnung durch den bundesdeutschen Ottonormal-homophoben Mitbürger zu kämpfen. Einen ständigen Wechsel an Sexualpartnern zu haben, tendenziell HIV-Positiv zu sein und „perverse“ Sexualpraktiken auszuüben – mit solchen Urteilen haben trotz mustergültig „bekennenden“ und zugleich erfolgreichen Homosexuellen in der Öffentlichkeit all jene in der Gesellschaft zu kämpfen, die bestimmte Standards, die ihnen von der Hetero-Mehrheit mehr oder minder abverlangt werden, nicht erfüllen können oder wollen. Zugleich scheint einigen Homosexuellen die ihnen nachwievor auf hohem Niveau begegnende Ablehnung der Gesellschaft – bei gleichzeitigem durch Kultur vermittelten Bild der Ehe als Hort der Romantik – dermaßen zu Kopf zu steigen, dass Sie sich am „Event Ehe“ ebenfalls beteiligen wollen, auch wenn bisher selbst die Zahl Eingetragener Lebenspartnerschaften verschwindend gering ist. Dies zeigt die deutlichen Vorbehalte breiter Teile der Schwulen- und Lesbenbewegung gegen die Institutionalisierung von Beziehungen, die zu finanziellen Abhängigkeiten führen. Unterhaltsverpflichtungen nach Trennungen oder der Verlust des Anspruchs auf staatliche Transferleistungen und die Abhängigkeit vom verdienenden Partner/der verdienenden Partnerin sind wesentliche Gründe dafür. Allerdings spielt auch eine Rolle, dass nicht wenige Homosexuelle auch andere Ansprüche an die Organisation ihres Lebens stellen und soziale, kulturelle und emotionale Standards mitbringen, die anders als die der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft sind, somit also oftmals im besten Sinne „abweichend“ sind.


Wir lieben, wen wir wollen – aber wir ficken diesen Staat!

Die Debatte um die „Homoehe“ verzerrt, dass es eben auch andere Lebensmodelle sowohl für Homo, Bi, Trans als auch sogar Heterosexuelle und damit genug Alternativen zum Trauschein gibt. Jederzeit sollten Menschen, solange sie wollen, zusammenleben können ohne durch den Staat gegängelt oder die Gesellschaft verspottet oder gar verachtet zu werden, weil es der heteronormativen Norm nicht entspricht. Beziehungsgemeinschaften, in denen Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, sind gleichberechtigt zu behandeln. Im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Schule, Uni usw. – Gleichberechtigung hat mit Verhalten zu tun und dafür braucht es keinen Staat! Die Ausweitung des repressiven heteronormativen Modells der Ehe auf homosexuelle Partnerschaften kann nicht Ergebnis eines durchdachten Emanzipationsprozesses sein. Der Kampf gegen Diskriminierung alternativer Lebensentwürfe aber ist es sehr wohl.

Weiterführende Links zum Thema: Zur Kritik der Ehe

AG „Schwule in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin“ [SCHWARAB], August 2012