2.November: Diemar Dath zur Oktoberrevolution

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Diemar Dath zur Oktoberrevolution (November 2012)
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In der Nacht zum 7.November 1917 erschallten die Kanonenschläge des Panzerkreuzers „Aurora“ durch die Strassen von Petrograd. Er war das Startsignal, für einen revolutionären Aufstand der wie kein anderes Ereignis das 20ste Jahrhundert prägte und bis heute nachwirkt. Trotz des Scheiterns des aus dieser Revolution hervorgegangenen Staatssozialistischen Modells, dem Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution entstandenen Sowjetunion und den meisten der nach ihrem Vorbild entstandenen Staaten, bleibt die historische Bedeutung der Oktoberevolution für die die jahrtausendealte Geschichte von menschlicher Versklavung, Unterdrückung und Kämpfen dagegen unsere Meinung unermesslich.

Am 2.November luden die ARAB, die ALB und die „junge Welt“ deshalb den kommunistischen Autor und Journalisten Dietmar Dath in die Ladengallerie um anlässlich des 95sten Jahrestages der „grossen sozialistischen Oktoberrevolution“ einige wichtige Sache zu sagen, die über diese Revolution, ihre Startbedingungen, das Scheitern der aus ihr hervorgegangenen Staaten und ihre rechten und linke Krititiker zu sagen waren. Wir freuen uns euch schon jetzt einen Videostream der Veranstaltung präsentieren zu dürfen. Der Text erscheint darüber hinaus in geänderter Fassung am 7.November in der jungen Welt und in einigen Wochen werden euch einen zweiten HD-Stream mit deutlich besserer Audio-Qualität präsentieren können.

Text:

Teil I: Wie man den Besitzenden die Geschichte wegnimmt

Seit etwa einem Vierteljahrhundert fallen die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus sich in Massenmedien von weltumgreifender Reichweite alle fünf Minuten mit der immergleichen Behauptung selbst ins Wort, es passiere soeben etwas noch nie Dagewesenes, historisch Beispielloses, atemberaubend Bedeutsames.

Als eine sozialistische Staatenwelt zusammenbrach, die jene Leute zuvor Tag und Nacht mit den Regierungen Hitlers und Mussolinis verglichen hatten, ohne daß sich bei diesem Zusammenbruch Verheerungen ereignet hätten, wie sie nötig gewesen waren, um besagte Killerregierungen zu beseitigen, nannten die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus das eine friedliche Revolution. In Wirklichkeit war es die lärmend rituelle Aufrichtung von Prunk- und Einschüchterungsstandbildern der Raub- und Quälgottheiten des Imperialismus in einer Weltregion, wo diese Fetische zuvor rund zwei Menschenalter lang nichts zu bestellen gehabt hatten.

Als das erledigt war, fanden die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus in ihrem Kaffeesatz staunend eine neue Form des Mehrwertdiebstahls, die sie »New Economy« tauften und von der sie behaupteten, darin läge nun endlich der von Alchemisten und Idioten aller Volkswirtschaftsschulen seit Beginn der Neuzeit gesuchte Keim eines ununterbrochenen ökonomischen Kennziffernwachstums ohne die lästig notorischen Krisen und Wertvernichtungsexzesse des bisherigen Kapitalismus.

Zur selben Zeit erschauten sie in ihren Kristallkugeln eine Form des Waffenganges, die allein um der lieben Menschenrechte willen mit weltraumgestützten Raketenangriffen, Clusterbomben, Uranmunition, halb unsichtbaren Mordkommandos, Besatzerwillkür und vermischten Abscheulichkeiten in armen Regionen jene nationalstaatliche Souveränität eilends einkassieren sollte, die den betreffenden Regionen am angeblichen Ende des Kolonialismus von den Zeitgeschichtsschreibern, Nachrichtenmeldern und Clowns des Imperialismus als das allerhöchste politische Gut auf der Welt anempfohlen worden war.

Sobald auch diese Schweinerei gefrühstückt war, entdeckten die Nimmermüden eine bis dahin offenbar unbekannte Form des asymmetrischen Krieges, die sie »internationalen Terrorismus« nannten und die ihnen die Rechtsgrundlage und den Befehlsnotstand dafür schuf, einige schon vor dem verblüffenden Erscheinen des besagten Kastenteufels aus dem Nichts am 11. September 2001 begonnene Anstrengungen in Sachen menschenverbrennender, wertzertrümmernder Weltordnungsarbeit mit vermehrter Emphase beim Wahrsagen, Melden und Witzemachen zu begleiten.

Dann kam eine Hypothekenkrise, aus der wurde eine Kreditkrise, auf die folgte eine Bankenkrise, diese führte zu einer Schuldenkrise, der bald darauf eine Währungskrise entsprang; »so it goes« (Kurt Vonnegut).

Noch nie dagewesen, historisch beispiellos und atemberaubend bedeutsam war dies alles nicht – gerade so wenig wie das »Neue Denken« Michail Gorbatschows, eine Wortschöpfung, mit der gemeint gewesen war, daß man sich als sowjetische Führung im Außenpolitischen, also auf Grenada und in Libyen – doch, Libyen, tatsächlich, damals schon, Mitte der achtziger Jahre –, jede neokoloniale Unverschämtheit des Reagan-Regimes gefallen lassen wollte, ohne wenigstens ein paar gereizte Kubakrisengeräusche von sich zu geben, und im Innenpolitischen dazu auf ein paar Einrichtungen zu verzichten sich anschickte, derentwegen der ganze außenpolitische Hader mit dem Imperialismus 70 Jahre früher überhaupt erst losgegangen war.

In Moskau hatte man keine Lust mehr, belagert, bedrängt, atomar bedroht und dann noch als Hitler, Mussolini, Iwan der Schreckliche, ­George Orwells wahrgewordener Fiebertraum und überhaupt Inbegriff menschlicher Sündhaftigkeit verbellt zu werden. In gewisser Weise waren Gorbatschows Erfindungen der weichen Sozialdemokratie und des Appeasement als Schlupfloch aus dem Würgegriff von Belagerung, Bedrängung, Bedrohung und Verbellung der Sowjetunion und der übrigen Staaten des Vertrags von Warschau business as usual, so ist das eben bei Schlußverkaufsphasen, und die Abwicklung, die auf diese grandiosen Erfindungen folgte, ließ sich aus dem Gerede schon herauslesen.

Noch nie dagewesen, historisch beispiellos und atemberaubend bedeutsam war das mithin so wenig wie die alberne New Economy (ein ganz normaler Schwindel), der gesetzlose War on Terror und die grausame und widerwärtige Scheiße, die darauf folgte und die uns kurz- wie mittelfristig noch bevorsteht. Bei alledem handelte und handelt es sich vielmehr um das seit ein paar Jahrhunderten wohlvertraute Wüten des »automatischen Subjekts« (Marx), das heißt des Kapitals, das vor grob 100 Jahren ins Stadium des Imperialismus eintrat.
Unermüdliche Kader
Ein noch nie dagewesenes, historisch beispielloses und atemberaubend bedeutsames Ereignis war dagegen die Oktoberrevolution im Rußland des Jahres 1917. Soldaten hatten sich gegen ihre Offiziere erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden in deren Weltkrieg töten und sterben wollten. Arbeiter in den Städten hatten sich gegen die Fabrikherren und ihre Polizei erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden schuften und darben wollten. Sogar Bauern, wenn auch zögerlich und konfus, weil schlechter organisiert als die Soldaten durch die Truppe und die Arbeiter durch die Industrie, hatten sich gegen ihre Landbesitzer und deren Büttel erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden säen, ernten und zwischendurch malerisch am Hunger zugrunde gehen wollten.

Reiche wie harte politische Erfahrungen seit einer ersten Aufstandswelle im Jahr 1905 und die unermüdliche Tätigkeit revolutionärer Kader hatten besonders in den Städten eine illusionslose, zähe und unversöhnliche Generation von unzufriedenen Produzenten des russischen Reichtums erzogen, deren mangelnde Bereitschaft, den Burg-, nämlich Klassenfrieden mit ihren Ausbeutern und Unterdrücken zu wahren, zwischen 1912 und 1916 zur längsten explizit politischen Streikwelle in der bisherigen Geschichte der modernen Arbeit geführt hatte – am Vorabend, wohlgemerkt, eines Weltkrieges und während er dann wütete.

Die Produzenten des russischen Reichtums organisierten schon 1905 eigene Komitees und Räte, die sogenannten Sowjets, und machten sich damit an eine neue praktische Antwort auf die seit der Antike nicht nur Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns beschäftigende Frage, ob und wie ein Gemeinwesen sich selbst verwalten, eine Menschengruppe sich selbst regieren könne.

Bei diesen Umtrieben wurden sie indirekt (und alles andere als willentlich) unterstützt von ihren bourgeoisen Feinden und der zaristischen Geheimpolizei. Denn da diese beiden Bedrücker­gruppen das später im Faschismus perfektionierte Verfahren »man greife sich die wachsten, klügsten, mutigsten Leute, verhafte, quäle und töte sie, dann wird der Unfug schon aufhören« anwandten, so gut sie konnten, mußten sich ihre renitenten Gegner nicht nur in Gestalt besagter Komitees und Sowjets, sondern schon beim Formulieren und Durchsetzen jeder kleinsten Lohnforderung, jedes noch so bescheidenen Anspruchs auf politische Rechte, wohl oder übel das kollektive, einheitliche, nicht mehr durch Demütigung oder Vernichtung einzelner aus dem Gleis zu werfende Handeln angewöhnen.
Dieselbe schiefe Musik wie heute
In dieser harten Schule belegten die edelsten, bewunderungswürdigsten Teile der Bewegung so manches Hauptfach der menschlichen Emanzipation. So füge ich ihnen zum Beispiel Unrecht zu, wenn ich aus anerzogener Trägheit meiner Sprache von ihnen rede, als wären sie allesamt Männer gewesen, als hätte es sich bei ihrem Ringen allein um Kämpfe gehandelt, die testosterongesättigte Ernährer für ihre schutzlosen Weiber und Kinder ausgetragen hätten. Frauen in der Fabrik nämlich – und deren Anspruch auf gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit – spielten eine nicht zu vernachlässigende Rolle dabei, und jedem Versuch der Besitzenden, die aufmüpfigen Lohnabhängigen nach Lohngruppen auseinanderzutreiben, wie das heutzutage großflächig versucht wird, begegnete das revolutionäre Proletariat am Vorabend der Oktoberrevolution und bei deren Vollzug mit unnachgiebigem Beharren auf Garantien fürs menschenwürdige Auskommen aller.

Die allerverächtlichsten Arschlöcher, gegen die sie sich dabei behaupten, die sie dafür besiegen mußten, redeten übrigens damals schon in demselben verlogenen, ekelhaften Zungenschlag, der heute die Standortpredigten der Bourgeoisie und ihrer Ausgehaltenen bis tief in die rechten Sumpfbezirke der Gewerkschaftsarbeit prägt – etwa jener Moskauer Metallfabrikant und Kriegsgewinnler, der den Mindestlohnforderungen seiner Leute mit dem lächerlichen Wortmüll entgegentrat, ihr Ansinnen sei »staatsgefährdend und antidemokratisch, weil es den mit Mindestlohn versorgten Lohnabhängigen die Existenz garantiert und ihnen damit Privilegien verschafft, die andere nicht haben«.

Man reibe sich Augen und Ohren: Das ist genau der verdrehte Quatsch, den Angela Merkel griechischen Nichtbesitzenden vorheult, die auf das verzichten sollen, was ihre Vorläufer erkämpft haben, genau dieselbe schiefe Musik, mit der Hirnverwüster die Abschaffung von Flächentarifverträgen et cetera zu begleiten pflegen.

Der Unterschied zwischen damals und heute ist bloß – und man lese ihn nach, in Kevin Murphys wertvoll materialreichem Buch »Revolution and Counterrevolution – Class Struggle in a ­Moscow Metal Factory« von 2005, dem man nicht jede Wertung, jede Folgerung und jeden Begriff (eine erfolgreiche »Konterrevolution« zum Beispiel liegt nicht vor, wenn das alte Besitzverhältnis nicht wiederkommt) glauben muß: Im Rußland jener Zeit trafen solche Heucheleien auf das grimmigste Gelächter der zahlreichen, wachen, klugen, mutigen, illusionslosen, entschlossenen und zähen Menschen, unter denen die organisierte Rädelsführerschaft des Leninschen Flügels der radikalen Sozialdemokratie stetig gegen das Aufkommen von Ermüdung, Mutlosigkeit, Illusionen, Zaudern oder Sprunghaftigkeit gearbeitet hatte – bis sich die revolutionäre Situation zeigte, in der die richtige Haltung ausnahmsweise sogar die richtigen Konsequenzen hatte. Ausnahmsweise – denn die Geschichte verurteilt die meiste Zeit über selbst die richtigste Haltung zur abseitigen Schönheit des Besserwissens.
Kapital zielt auf Ruhigstellung
Auch in Rußland hatte es im Frühjahr 1917 noch danach ausgesehen. Beobachtende ausländische Profitmacher, die gewohnt waren, ihre Interessen in den zivilisierten kapitalistischen Staaten durch Kauf von Abgeordneten in republikanischen oder konstitutionell-monarchischen Parlamenten durchzusetzen, machten sich, als der Zarismus kollabierte, zunächst ein paar nicht ganz abwegige Hoffnungen darauf, daß die besagten Soldaten, Arbeiter und Bauern sich als opferbereites, hinterher mit ein paar mickrigen Trostpreisen ruhigzustellendes Fußvolk gegen das träge Mittelalter, in diesem Fall der gestürzten Autokratie, würden verheizen lassen.

Beim antikolonialen Kampf der Besitzenden einiger nordamerikanischer Gegenden wider die angestammte englische herrschende Klasse hatte das recht schön geklappt: Die armen Lumpen, von Hoffnung auf ein besseres Leben und allerlei verdienstvoller radikaler Agitation (an der Schwelle zu den USA etwa ausgehend vom großen Thomas Paine) getrieben, ließen sich, so lernten die Besitzenden, durchaus zur Erzwingung einer Generalüberholung der Verwaltung gebrauchen, damit die aufsteigende bürgerliche Klasse ein halsstarriges, altmodisch selbstherrliches Regime los wird und dafür eins installieren kann, das besser weiß, was die Stunde geschlagen hat und wo der (heute etwa geopolitische) Hammer hängt.

Auch in unseren Tagen – das Internet weiß genug davon – erfaßt die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns der aufmerksamen Weltbourgeoisie immer wieder die Hoffnung aufs reibungslose Funktionieren des Schemas – wenn etwa irgendwo im Osten oder Süden eine erbliche oder nichterbliche Diktatur wackelt, wenn irgendein vom Glück verlassener Mubarak, Assad oder Ghaddafi abgesägt werden soll – Herrscher, die auf dem Höhepunkt ihrer (verglichen mit der Weltbank freilich arg schmalen) Macht zwar Verträge mit der Weltbourgeoisie eingehen, in ihren Staaten aber ungehörigerweise hin und wieder machen wollen, was ihren höchsteigenen Dickschädeln gefällt, statt jedes Mal ihre Welthandelspartner per SMS zu fragen, wie die’s gerade gerne hätten.

In den failed states und den Zerfallsprodukten der sozialistischen Staatenwelt, im panegyrisch besungenen arabischen Frühling, in Afrika und Lateinamerika wünschen sich diejenigen, die bis heute nichts lieber tun als entweder einerseits untereinander imperialistische Verteilungskämpfe auszutragen (gern auch als leise, langwierige Stellungskriege) oder aber andererseits Koalitionen der Willigen gegen noch die allerkleinsten, absurdesten, aussichtlosesten (und häßlichsten oder irrationalsten – Stichwort: Taliban) Keime irgendeines entweder sinnvollen oder aber wahnhaften Antiimperialismus zu schmieden, am liebsten irgendeinen gemäßigten Mäßiger der jeweiligen echten oder gefingerten Revolution ans Ruder.
Gegen Kerenski und Kornilow
Im russischen Februar 1917 kam nach dem ersten Umsturzfanal, dessen wichtigster Brandherd in Petrograd stand, tatsächlich der gemäßigte Mäßiger Kerenski an die Macht; ein Mann, der nach Meinung der seinerzeitigen Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus die allerbesten Aussichten bot, Rußland mit minimalem Kostenaufwand aus einem halbmittelalterlichen Blutsumpf in einen wunderbaren neukolonialen Absatz- und Outsourcing-Park für die im Entstehen begriffene einheimische und die schon etwas reifere Weltbourgeoisie umzumodeln.

Als eine Art handzahmer Wichtel-Napoleon sollte jener Kerenski nach dem Willen der in- und ausländischen bourgeoisen Klassenkampfstrategen die soldatische, proletarische und bäuerliche Massenbewegung in staatstragende und handelsförderliche Bahnen lenken und dabei mit dem Segen der von dieser Bewegung geschaffenen Organe der politischen Willensbildung eine sogenannte »provisorische Regierung« leiten.

Zu dieser sollten sich Lenins Leute, außerdem die Menschewiki (rechte Sozialdemokraten: in der Opposition leidlich links, an der Regierung grell rechts, Schröders Ur-Opas also), Sozialrevolutionäre (ein wüstes Amalgam aus Piraten ohne Laptop, Grünen vor Rotgrün, Occupy Unibibliothek und Proto-Strasser-Bohème), konstitutionaldemokratischen Kadetten (die FDP: hartköpfige Ahnen des Ordoliberalismus, die, solange niemand die Eigentumsfrage stellte, gern ein bißchen modern daherredeten) und vermischte Irrläufer zusammenraufen.

Natürlich hätte die einheimische Bourgeoisie und ihre reichere Weltverwandtschaft auch mit einer entschieden autoritäreren Lösung der verzwickten Situation leben können, in der das Mittelalter nicht mehr ging und der Fortschritt schon nach Sozialismus roch.

Ein russischer Möchtegern-Hitler namens General Kornilow versuchte daher Mitte 1917 mit Unterstützung einiger Geld- und Großgrundteufel, die Sache rein militärisch zu erledigen. Aber die Bolschewiki, Lenins Partei, brachten fertig, was die KPD 1933 nicht hinbekam, nämlich die taktische Unterstützung der von ihr mit Recht wenig geliebten Regierung durch Mobilisierung der Massen gegen den Putschisten. Der wurde zurückgeschlagen, ohne daß die Propaganda der Bolschewiki es je nötig gehabt hätte, das Zaudern und Schwanken, die zutiefst zweideutige Haltung der Kerenski-Bande gegen den General, der ihnen die Bürde der Neueinrichtung des Saustalls zum Wohl der Schweinezüchter hatte abnehmen wollen, zu verschweigen. »Die provisorische Regierung ist Mist und wird die an sie gerichteten Erwartungen der Mehrheit der Menschen enttäuschen«, sagten die Bolschewiki unumwunden, »aber sie ist der bessere Mist, verglichen mit dem drohenden Horror in Uniform«.

Als Lenin aus dem Exil zurückkehrte, hatte die Kerenski-Bande nicht nur aufgrund des Kontrasts, den ihr Treiben in der Kornilow-Klemme gegenüber der bolschewistischen Eindeutigkeit abgab, sondern auch aufgrund der Widersprüchlichkeit ihres grundsätzlichen Umgestaltungsprogramms – sie sollte und wollte Rußland den autokratischen Pelz waschen, ohne die herrschenden Klassen naß zu machen – bereits eine hübsche Menge Kredit verspielt.

Die Bolschewiki, zuerst Lenin, dann, nach schweißtreibender Überzeugungsarbeit, auch der Rest der Partei, erkannten in diesem Umstand Gelegenheit wie Pflicht, im Vorfeld des II. großen Sowjetkongresses ernsthaft über die Beseitigung des gemäßigten Mäßigers und die Erzwingung aller Forderungen – Frieden statt Weltkrieg, Brot, Landreform – der Massenbewegung mittels der Staatsmacht nachzudenken.

Daß sie aus den bei diesem Nachdenken gewonnenen Erkenntnissen die nötigen praktischen Konsequenzen zogen, verübeln ihnen die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus heute noch.

Jede Nachricht, jede Meinung, die über das, was damals geschah, heute von den Besitzenden zur lückenlosen Bespielung des öffentlichen Raums ausgesandt wird, wird von dieser Übelnahme regiert. Die heute zu allen von mir hier behandelten Sachverhalten überall, auch in Moskau, wo man ihr jetzt die Archive öffnet, tonangebende Sowjetologie des Westens wurde übrigens im Kalten Krieg erfunden, in den USA, beim Office of Strategic Services, der Vorläuferorganisation der CIA.

Die Bolschewiki forderten den II. Sowjetkongreß auf, alle Staatsmacht in die Hände der Sowjets zu legen. Sozialrevolutionäre, Menschewiki und sonstige Patchwork-Politikaster, die den Saal verließen, um mit ein paar Kadetten und Industriefunktionären ein »Komitee für öffentliche Sicherheit« zu bilden, das den Spuk beenden sollte, waren so eindeutig Joschka Fischers Ahnen, daß ich mich vor linken Leserinnen und Lesern nicht lange bei ihnen aufhalten muß – so wenig, wie dies die Bolschewiki taten, die statt dessen mit Hilfe revolutionärer Matrosen den bewaffneten Aufstand ausriefen, Brücken, Telefon und Telegrafie, Funk, Bahnhöfe, Elektrizitätswerk und dergleichen in Petrograd eroberten und das Winterpalais stürmten, den Sitz der provisorischen Regierung – und damit am 25. Oktober (oder nach gregorianischer Zeitrechnung: am 7. November) 1917 etwas nie Dagewesenes, historisch Beispielloses, atemberaubend Bedeutsames vollbrachten: die erdballweit spürbare Störung des Betriebsablaufs der Besitzenden durch Menschen, die genug davon hatten, Objekte statt Subjekte der Geschichte zu sein.


Lesung mit Dietmar Dath
Am 2. November 2012 spricht der marxistische Autor und Journalist Dietmar Dath – von bürgerlichen Kritikern als „Lenin 2.0″ verspottet – in Berlin über die Oktoberrevolution. Im Ankündigungstext zur Veranstaltung in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6) heisst es: Im Oktober 1917 schmetterte der gallische Hahn. Das russische Proletariat hatte keinen Bock mehr auf das allgemeine Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs und ging unter der Parole der Bolschewiki, dass nun „Brot und Frieden“ statt Knechtschaft und Krieg her müsse, daran, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Wie das ging, darüber wollen wir nachdenken. Und dass es ging, das wollen wir feiern.

eine Veranstaltung von ARAB, ALB und der jungen Welt


1 Antwort auf „2.November: Diemar Dath zur Oktoberrevolution“


  1. 1 Schorsch 07. November 2012 um 14:11 Uhr

    Es war der Kreuzer „Aurora“ der die Schüsse auf das Petrograder Winterpalais abgab.

    Auf dem Panzerkreuzers „Potemkin“ fand 1905 eine Meuterei statt, die im Zusammenhang mit der Revolution 1905 steht, allerdings war auch die nicht in Petrograd, sondern in Odessa.

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