Zwei Seiten einer Medaille. Über Glanz und Elend der Rosa-und-Karl-Initiative

Zwei Seiten einer Medaille. Über Glanz und Elend der Rosa-und-Karl-Initiative

Anmerkungen der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin [ARAB] zur diesjährigen Kontroverse um das Luxemburg-Liebknecht-Gedenken

„Die jährliche Liebknecht-Luxemburg-Gedenkdemonstration durch Berlin ist wie ein großer, furchtbarer Verkehrsunfall. Man kann den Blick nicht abwenden, auch wenn das, was zu sehen ist, entsetzlich und verstörend ist“, schreibt Jesse-Björn Buckler in der „Jungle World“. Was ihn an der LL-Demo verstört, ist, dass ihre Teilnehmerschaft „Lenin-, Mao- und Stalinkultisten, Nationalbolschewisten und orthodoxe Antiimperialisten“ sind, mithin durch und durch reaktionäre Zeitgenossen, mit denen sich jede Diskussion erübrigt, so wie man ja auch bei einem Verkehrsunfall durch bloßes Gerede die Resultate nicht wird ändern können. „Sterbehilfe“ sei angesagt.

Noch darüber hinaus gehen die Initiatoren und Unterstützer des diesjährigen „alternativen“ Gedenkens. Ihnen geht es nicht bloß um diejenigen mit einem Faible für den schnauzbärtigen KPdSU-Chef. Sie sehen gleich den gesamten „Traditionsmarxismus“ als das anzugehende Problem. Für sie ist „die Geschichte der kommunistischen Bewegung (…) die Geschichte des Scheiterns“.

Um es vorneweg zu sagen: Selbstverständlich sehen wir das Herumtragen von Fotos historischer Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung nicht als besonders sinnvolle Angelegenheit. Die eigene Ohnmacht für einen Moment vergessen zu können, indem man den Holzprügel umklammert, auf dem das Bild Maos klebt, scheint uns auch keine sonderlich zielführende Strategie gegen ebendieselbe Ohnmacht zu sein. Doch die Frage ist: Welche Form der Kritik ist angemessen. Und hier kann man den Veranstalter und Unterstützern der Rosa-und-Karl-Demo attestieren: Ihr habt so gut wie alles falsch gemacht.

Oft haben wir gehört, das Verdienst der Initiative sei, Diskussionen um das Vergangenheits- und Traditionsverständnis der Linken angestoßen zu haben. Uns ist nicht bekannt, wo es solche jenseits von Polemiken und Abgrenzungsversuchen gegeben haben soll. Nun den Verteidigern der LL-Demo zu unterstellen, das liege allein an ihnen und bestätige erneut ihren völligen Mangel an undogmatischem Denken, ist allzu simpel. Wenn die aufrufenden Organisationen großenteils aus dem Restbestand der Jungsozialdemokratie und einigen antideutschen Splittergrüppchen bestehen, kann man von vornherein absehen, dass die vermeintliche Gegenseite skeptisch sein wird. Dennoch ist für uns nicht ausschlaggebend, dass eine vermeintliche „Noske-Jugend“ die Alternativdemo ins Leben gerufen hat, sondern die Inhalte, mit denen das geschehen ist.

Ein Aufruf, wie der des Rosa-und-Karl-Bündnisses, der von sich behauptet, dem „Schwarz-Weiß-Denken“ der „Anderen“ eine angemessene Geschichtssicht entgegenzuhalten, macht sich lächerlich, wenn er aus nichts als Schwarz-Weiß-Denken besteht. Die „Anderen“, die Teilnehmer der LL-Demonstration, sind die Bösen. Sie haben keine Ahnung von nicht-regressiver Kapitalismuskritik, und ihr ganzes politisches Denken besteht im „Abfeiern von Diktatoren“. Unter die wird dann auch gleich Ho-Chi-Minh gezählt, weil der hat ja – ähm was genau? Man selber ist moralisch integer, denn man hat mit dieser ganzen Geschichte nichts zu tun. Unter der Volksfrontformel „emanzipatorische Linke“ können sich dann auch Anarchisten, Israelfreunde und Sozialdemokraten wohlfühlen, denn sie alle eint die grandiose Einsicht, dass es „unter“ Stalin, Mao oder sonstwem Tote gegeben hat, und Tote will man verständlicherweise nicht.

Wer mit dem Unternehmen antritt, den „Anderen“ zu zeigen, wie man mit der „eigenen“ Geschichte umzugehen hat, der sollte mehr können als das. Die interessantere Herangehensweise, die Geschichte der Arbeiterbewegung als die eigene zu verstehen, und sich die Gründe für ihr Scheitern plausibel zu machen, kommt nicht vor und kann nicht vorkommen. Wer einen negativen Personenkult betreibt und nichts anderes will, als keine Stalin- und Maobilder mehr, der kann auch bei der moralischen Selbstvergewisserung stehenbleiben. „Gute“ Kommunisten sind dann die, die früh von der Reaktion ermordet wurden, denn bei ihnen muss man sich die Frage nach ihren Opfern nicht stellen. „Böse“ Kommunisten sind die, die überlebt haben. Die “Guten“ nennt man dann auch gleich beim Vornamen, denn die zählen ja fast schon zum eigenen Freundeskreis.

Gleichzeitig, und auch das ist eine der signifikanten Schwächen der Rosa-und-Karl-Initiative, weiß man auch mit den „guten“ Kommunisten nichts anzufangen. Die einzige politische Bestimmung der beiden in den Aufrufen von R&K-Bündnis und Bremer Antifa ist: „Bei einem Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sollten wir uns bewusst werden, dass damals eine Bewegung, die sich gegen Herrschaft auflehnte auf brutale Weise niedergeschlagen wurde.“ Das Niedergeschlagenwerden ist die Leistung der beiden, auf die sich Jusos und Falken beziehen wollen. Dass es sich bei den „Niedergeschlagenen“ um eine „Bewegung, die sich gegen Herrschaft auflehnte“, handelte, ist das mitunter Dümmste, was je zu Luxemburg und Liebknecht geschrieben wurde. Man muss den Klassencharakter der damaligen Bewegung nicht mögen, aber ihn einfach zu leugnen, ist sicherlich kaum eine „kritischere“ Geschichtssicht als die, die man den „Anderen“ unterstellt.

Allerdings ist das Bündnis hier konsequent. Wer den gesamten „Traditionsmarxismus“ ablehnt, kann auch an den zwei „Traditonsmarxisten“ Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nichts finden. Wie sollte man deren beider unbestrittene Hoffnung auf die Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt auch verstehen, wenn man unter Proletariat nichts anderes versteht als den Adidashosen tragenden Volksmob, von dem man sich so weit wie möglich fernhalten sollte. Warum sollte man sich mit Rosa Luxemburgs Kritik an Lenin und Trotzki auseinandersetzen, wenn man die These von der Diktatur des Proletariats – ganz im Gegensatz zu Rosa Luxemburg – ohnehin für einen reaktionären Überrest des „Traditonsmarxismus“ hält? Und was sollen Gruppen wie „Emanzipation und Frieden“, die die Aufrüstung Israels und für eine unhinterfragbare Notwendigkeit halten, mit Liebknechts revolutionärem Antimilitarismus anfangen? Und müssten sich ebendiese Gruppen nicht zutiefst abgestoßen fühlen vom „Kollektivismus“ der beiden, haben doch beide nicht unbedingt ein ähnlich affirmatives Verhältnis zum bürgerlichen Individualismus wie die Stuttgarter Antideutschen? Und wie sollen die Jusos mit der Kompromisslosigkeit des Bruchs der beiden mit der Mehrheitssozialdemokratie umgehen, leben sich doch von der Ausrede innerhalb der SPD, die heute sicher nicht „linker“ ist als damals, fortschrittliche Positionen geltend zu machen?

Kurz, es entsteht der Eindruck, dass die Organisatoren eigentlich gar kein anderes Anliegen haben, als die eigene Distanz zu den „Anderen“ zu demonstrieren, warum sie dafür Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als Anlass gewählt haben, bleibt ihr Geheimnis. Wessen Anliegen aber in identitärer Selbstbestätigung liegt, wie kann der sich darüber beschweren, dass die „Anderen“ das nicht als Diskussionsangebot auffassen?
Kritik muss, das hat Marx von Hegel gelernt, dem Kritisierten das Scheitern am eigenen Maßstab aufzeigen. Es hilft nichts, zwischen sich und die „eigene“ Geschichte einen Schlussstrich zu ziehen und diese dann quasi von außen als den eigenen Maßstäben ungenügend zu beschreiben. Man lernt so weder etwas über die Sozialismen des 20. Jahrhunderts, noch wie man die zukünftigen Anläufe vor einem erneuten Scheitern bewahren können wird.

Das Grundproblem ist also wesentlich ernster als die scheinradikalen Abgrenzungsfloskeln der „emanzipatorischen“ Kritik vermuten lassen. Es besteht darin, dass es bislang nicht gelungen ist, ein Verhältnis zur eigenen Tradition zu finden, das im Marxschen Sinne historisch-materialistich genannt werden könnte. Ein solches Herangehen „mit kritischer Kälte“ (Ernst Bloch) schließt die moralische Verurteilung von geschehenen Verbrechen nicht aus. Es kann aber auch nicht dabei stehenbleiben. Weder ist die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts allein „eine des Scheiterns“, wie es die selbsternannten kritischen Kritiker gerne hätten, noch ist sie eine, die sich ausschließlich in den Kategorien von glamourösen Erfolgen und böswilligem Verrat beschreiben ließe, wie es diejenigen gerne hätten, die meinen Stalin und Mao hätten noch alles „richtig gemacht“, während dann Chruschtschow und Deng Xiaoping den Karren vor die Wand gefahren hätten. Wer sich zu dieser Einsicht nicht durchringen kann, der versteht auch in Zukunft nur „Verkehrsunfall“.

Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin [ARAB], Januar 2013