Kreuzberg grüsst Istanbul


Foto: Soliaktion für die über 70 in Istanbul wegen der Taksim-Revolte verhafteten Genoss_innen der ESP (Sozialistische Plattform der Unterdrückten) am Rande der Capulcu-Parade, die mit mehreren hundert Teilnehmer_innen am Freitag Abend durch Kreuzberg zog.

+++Seit dem 12.Juni gibt es am Kottbusser Tor ein „OccupyGezi“ Widerstandszelt, was als zentraler Anlaufpunkt in Berlin für die Solidarität mit den Freund_innen in der Türkei dienen soll. Jeden Abend finden dort Kundgebungen, Konzerte und Aktionen ab 19 Uhr statt. Das Camp braucht eure Unterstützung in Form von Schutzschichten, Essen- und Sachspenden und anderer Unterstützung.+++

Rund um die Uhr | Taksim-Widerstandscamp am Kottbusser Tor | Vor dem Lebensmittelgeschäft „Inter Gida“ | Jeden Tag um 19 Uhr Kundgebung

Seit dem 31.Mai findet in der Türkei ein Aufstand gegen die autoritäre Politik der Erdogan-Regierung statt. Täglich kommt es in dutzenden Städten zu Massendemonstrationen, Platzbesetzungen und militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Diese geht mit massiver Gewalt gegen die Aufständischen vor. Es wird von über 2000 ernsthaft Verletzten, mehrere tausend Inhaftierungen und zwischen 3 und 8 Toten Demonstranten berichtet. Immer wieder setzt die Polizei scharfe Munition ein. Am Dienstag, den 11.Juni griff die Istanbuler Polizei das Protestcamp am Taksim-Platz, das Zentrum und Symbol der Protestbewegung geworden ist und räumte es mit massiver Gewalt. Die Schlacht um den Platz dauerte fast den ganzen Tag, dabei wurden über 400 Menschen verletzt. Am Abend des 15.Juni stürmte die Polizei dann auch mit einem Grossaufgebot das Protestlager im Gezi-Park. Trotzdem hält der Protest weiter an. Weltweit gehen Menschen auf die Strasse um den Aufständischen ihre Solidarität auszudrücken.

Live-Ticker aus der Türkei
Fotos aus Türkei

Auch in Berlin kommt es fast täglich zu Protest und Solidaritätskundgebungen unterschiedlichster politischer Spektren. Wir als radikale Linke und Mitglied in der sozialistischen Plattform BEDEP organisieren uns in der Berliner Taksim-Initiative, in der verschiedenste linke politische Organisationen und engagierte Einzelpersonen aktiv sind. Unsere erste Protesdemonstration fand am 31.Mai um 24 Uhr am Kottbusser Tor statt und führte von dort mit 100 Menschen durch die Adablert- und Oranienstrasse. Schon einige Stunden zuvor hatte eine Kundgebung mit 300 Teilnehmer_innen stattgefunden.

Am Samstag den 1.Juni zogen dann über 5000 Menschen mit einer bunten Protestdemo durch Kreuzberg (Fotos:1, 2, 3, 4, 5, 6) (Videos: 1,2, 3, 4, 5).


Am Montag den 3.Juni, nachdem die ersten Todesfälle bekannt wurden zogen wir abermals mit über 1000 Menschen vom Kottbusser Tor durch Kreuzberg (Fotos: 1, 2 / Videos: 1 , 2).

Diesmal stoppte die Berliner Polizei die friedliche Demonstration mit einem massiven Aufgebot und ging mit Schlagstöcken und Fäusten gegen die Demonstranten vor. Im Anschluss wurde die Demonstration von einem Grossaufgebot von Riot-Cops begleitet, die versuchten die Situation weiter eskalieren zu lassen und einzelne Demonstranten abzufilmen und festzunehmen. Aufgrund der Solidarischen und besonnen Agierens der Demonstrierenden konnte dies verhindert werden.

Die nächste Protestaktion, die von unserem Bündnis initiert war und einen linken und internationalistischen Charakter hatte war dann die Grossdemonstration am Sonntag mit über 6000 Teilnehmer_innen. Daneben fanden jedoch auch Protestkundgebung von – nach eigenen Angaben – unpolitischen Aktivist_innen am Donnerstag und eine Grossdemonstration nationalistischer und kemalistischer türkischer Gruppen mit über 5000 Menschen am Samstag statt. Wir fuhren am Samstag stattdessen lieber nach Oberhausen zu einem Konzert der linken Band „Grup Yorum“ und zeigten dort vor über 15 000 Menschen unsere Solidarität mit dem Aufstand in der Türkei in Form einer Transpi-Aktion auf der Bühne.

Am Sonntag, den 9.Juni, gingen dann über 6000 Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam auf die Strasse und zeigten mit einer bunten und kämpferischen Demo ihre Solidarität mit den anhaltenden Protesten in der Türkei. Viele Fahnen türkischer linker Gruppen, der kurdischen Befreiungsbewegung, alevitischer Vereine, kommunistischer Parteien aus aller Welt und der autonomen Antifa prägten diese Demonstration. Es gab einen Antifa-Block der an die Ermordung eines jungen Antifaschisten Clément Méric letzte Woche in Paris erinnernte und dieses Gedenken verknüpfte mit dem Gedenken an die Todesopfer der türkischen Polizeigewalt in der letzten Woche. vom Lautsprecher wagen gab es türkische Widerstandslieder und Redebeiträge von Gewerkschaftern, kurdischen Parteien und linken Gruppen. In der Front liefen die Konterfeis von historischen Persönlichkeiten der türkischen Linken wie Mahir Cayan, Ulaş Bardakçı und Hüseyin Cevahir neben denen des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan und türkische Nationalfahnen. Eine Mischung die noch vor 2 Wochen zu Massenschlägereien geführt hätte. Vor dem Verein der türkischen faschistischen Grauen Wölfe in der Oranienstrasse wurde eine Protestrede gegen der Versuch der Faschisten den Aufständen in der Türkei eine antikurdische Komponente zu geben verlesen, später flog noch ein Bengalo in Richtung des von behelmten Polizisten beschützten Faschisten-Treffs. Im Anschluss an die Kundgebungen wurden 4 Menschen verhaftet. Vorgeworfen wurde ihn unter anderem das sie zu lange Transparente getragen hätten. (Fotos: 1, 2, 3, 4, 5

Auch am Dienstag gingen bis zu 1000 Menschen in Kreuzberg auf die Strasse und verurteilten den Polizeiangriff auf das Taksim-Camp, der am Dienstag Morgen stattgefunden hat. Nach einer Kundgebung am Kottbusser Tor zogen sie mit einer lautstarken Protestdemo abermals durch den Kiez. Zwischenfälle mit der Polizei gab es nicht. (Fotos: 1, 2, 3)

Seit Mittwoch den 12.Juni gibt es am Kottbusser Tor ein Widerstandszelt, das als zentraler Anlauf- und Vernetzungspunkt der Taksim-Solidarität in Berlin gedacht ist. Dort finden jeden Tag um 19 Uhr Protetstkundgebung mit Berichten aus der Türkei und Live Musik statt. (Fotos: 1,2).

Am Samstag den 15.Juni zogen dann mehrere hundert Menschen von einem Konzert am Taksim-Widerstandszelt am Kottbusser Tor spontan durch Kreuzberg, als sich die Nachricht verbreitete das die Polizei in Istanbul damit begonnen hat das Widerstandscamp im Gezi-Park zu räumen. Die Berliner Polizei versuchte den spontanen Zug, der vom Kottbusser Tor zum internationalen Refugee Tribunal am Mariannenplatz und von dort zurück zum Kottbusser Tor führte, mehrfach zu stoppen scheiterte aber an den Entschlossenheit der Protestierenden. Im Anschluss fand noch eine Kundgebung am Widerstandszelt statt. Unbekannte warfen während der Kundgebung einen Stein in die Menge. Dabei wurde in älterer türkische Mann am Kopf verletzt. (Fotos: 1)

Am Sonntag, den 16.Juni zogen bis zu 8000 Menschen vom Kottbusser Tor zur türkischen Botschaft um ihren Protest gegen den Polizeieinsatz am Gezi-Park zu zeigen: (Fotos: 1)

Am Freitag, den 21.Juni, fand eine Capuclu-Parade mit knapp 500 Teilnehmer_innen statt, die Kreuzberger Künstler gemeinsam mit linken Gruppen ins Leben gerufen hatten. (Fotos: 1, 2)

Am Samstag, den 22.Juni entwickelte sich aus der täglichen Kundgebung am Taksim-Widerstandszelt eine Spontandemo als sich die Nachricht verbreitete das die Polizei im Istanbul ein weiteres Mal mit brutaler Gewalt eine Kundgebung von zehntausenden Menschen am Taksim-Platz hat auseinanderprügeln lassen. Unter grossen Beifall zogen sie zur Abschlusskundgebung des transgenialen CSD am Mariannenplatz und von dort – noch einmal deutlich angewachsen zurück zum Kottbusser Tor, wo eine weitere Protestkundgebung stattfand. (Fotos:1)

Weiter Protestaktion in den nächsten Tagen:
Täglich | Protestcamp | 24 Stunden | Kottbusser Tor
Jeden Tag 19 Uhr Kundgebung!

Zum weitelesen:

Interview mit der marxistischen türkischen Organisation Kaldıraç (2)
Interview mit der ESP (Sozialistischen Plattform der Unterdrückten zu den Protesten)
Selektive Empathie und gefährlicher Nationalismus: „Kurdische Terroristen, türkische Revolutionäre“?
Der Widerstand als Spektakel: Kritik an der Event-Solidarität der IL
Grusswort vom Subcommandante Marcus

Video:
Street-Art am Taksim-Platz (Video)

Musik:
Gezi Parkı Marşı (Ayakta Kal Çarşı) – RAAD feat. Bora Gramm